4 Minuten Lesezeit
Kapitel 2: Besichtigung gemäß §17 Sozialgesetzbuch (SGB) VII

Kapitel 2 (06.10.2010)

Wenn das Amt zu Besuch kommt

Im Oktober 2010 bekam die Feuerwache Post.

Keine Geburtstagskarte, kein Dankesschreiben – sondern ein Brief mit Betreff. Und wer jemals einen Brief mit Betreff bekommen hat, weiß: Jetzt wird es offiziell. Die Hanseatische Feuerwehr-Unfallkasse Nord kündigte eine Besichtigung gemäß § 17 SGB VII an. Allein diese Formulierung sorgte für ehrfürchtiges Schweigen. Paragrafen hatten in der Wache ohnehin schon viel Platz eingenommen – allerdings eher theoretisch als räumlich. Am 12. November, um Punkt 10.00 Uhr, sollte es so weit sein.

Besichtigung des Feuerwehrhauses.

Das klang harmlos, war aber in Wahrheit eine Art behördlicher Besuch mit Turnschuhen: Man schaut überall hin, stellt Fragen und notiert Dinge, die man selbst längst verdrängt hatte. Man bat höflich um Teilnahme. Auch der Sicherheitsbeauftragte sollte informiert werden. Und bitte, ganz wichtig, alle relevanten Unterlagen bereithalten. Welche genau, blieb offen – vermutlich alle, die in den letzten Jahrzehnten irgendwo zwischen Spind, Funkraum und Geräteraum abgelegt worden waren. Die Feuerwehr begann mit den Vorbereitungen.

Man räumte auf. Also so gut es eben ging. Dinge, die keinen festen Platz hatten, bekamen kurzfristig einen. Dinge, die gar keinen Platz hatten, wurden kreativ „umdeklariert“. Manch ein Kamerad fragte sich, ob der Prüfer eigentlich auch in Schränke schauen würde, die sich nur mit gutem Zureden schließen ließen. Die Einladung erwähnte außerdem die ortsveränderlichen und ortsfesten elektrischen Anlagen. Niemand wusste genau, was davon nun was war, aber man war sich einig: Strom floss, und das meist in die richtige Richtung. Das musste reichen. Am Tag der Besichtigung war die Wache geschniegelt wie nie zuvor.

So geschniegelt, wie man eben sein kann, wenn man zu wenig Platz hat. Die Prüfer kamen, sahen – und blieben erstaunlich lange stehen. Nicht, weil es so schön war, sondern weil man sich in manchen Bereichen schlicht nicht gleichzeitig bewegen konnte. Es wurde gemessen, notiert, gefragt.

„Wie viele Spinde sind das?“

„Alle.“

„Und wo ziehen sich die um?“

„Hier. Also… abwechselnd. “Die Feuerwehr erklärte geduldig, zeigte stolz ihre Einsatzbereitschaft und verschwieg taktvoll, dass man sich an die Enge längst gewöhnt hatte. Man lebte ja schon seit Jahren damit. Andere hätten vielleicht schon angebaut – die Rendsburger Feuerwehr hatte stattdessen perfektioniert, wie man sich seitlich aneinander vorbeischob. Am Ende wurde freundlich verabschiedet.

Es wurde genickt.

Und man wusste: Das war nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas Größerem. Denn wenn das Amt einmal offiziell feststellt, dass etwas nicht mehr den Anforderungen entspricht, dann ist das kein Vorwurf. Es ist eine Einladung. Zu Gesprächen. Zu Papieren. Zu weiteren Jahren. Die Wache blieb, wie sie war: zu klein, zu voll und erstaunlich funktionsfähig.

Aber irgendwo zwischen Aktenzeichen und Paragrafen hatte sich etwas verändert. Jetzt war es nicht mehr nur ein Gefühl.

Jetzt war es amtlich.

Kommentare
* Die E-Mail-Adresse wird nicht auf der Website veröffentlicht.