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Kapitel 1: Die Feuerwache platzt aus allen Nähten

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Kapitel 1 (14.02.2007)

Die Wache, die immer kleiner wurde

Es gibt Gebäude, die altern würdevoll.
Und es gibt die Feuerwache an der Herrenstraße. Eingeweiht 1969, war sie einst großzügig bemessen – zumindest nach damaligem Maßstab. Fahrzeuge passten hinein, Menschen passten hinein, und man konnte sich umdrehen, ohne jemanden versehentlich zu verletzen. Doch irgendwann, niemand weiß mehr genau wann, begann das Gebäude zu schrumpfen. 
Wissenschaftlich belegt ist das bis heute nicht, aber alle Beteiligten sind sich einig: Anders lässt es sich nicht erklären. Spätestens 2007 war es amtlich. Die Zeitung schrieb, die Wache „platze aus allen Nähten“. Das klang, als stünde ein akutes Bersten bevor. Tatsächlich war das Platzen ein schleichender Prozess – mehr ein Dauerzustand als ein Ereignis. Nähte waren ohnehin keine mehr zu finden, dafür aber Schläuche, Helme, Jacken und Gerätschaften an Orten, an denen sie nie vorgesehen waren und trotzdem erstaunlich gut funktionierten. 
Die Umkleiden entwickelten sich zum sozialen Zentrum der Wehr. Hier lernte man, wie man sich mit sieben Personen gleichzeitig umzieht, ohne jemanden ernsthaft zu verletzen. Wer den Ellenbogen beherrschte, hatte klare Vorteile. Neue Mitglieder wurden nicht eingewiesen, sondern eingepasst. Auch die Fahrzeuge litten still. Moderne Technik traf auf Räume aus einer Zeit, in der „großes Löschfahrzeug“ noch eine sehr optimistische Beschreibung war. 
Jeder Zentimeter war verplant, jeder freie Platz ein Gerücht. Die Stadt versprach Abhilfe. Es wurde geprüft, geplant und überlegt. Begriffe wie „ideale Fläche“, „zukünftiger Standort“ und „mittelfristige Lösung“ machten die Runde und wurden mit der Zeit zu festen Bestandteilen der Feuerwehrfolklore. Besonders beliebt war der mögliche Umzug auf ein Bundeswehrgelände – viel Platz, hieß es. Viel Platz war ein Wort, das man in der Herrenstraße nur noch aus Erzählungen kannte. In der Zwischenzeit wuchs die Jugendfeuerwehr. 
Wohin mit den zusätzlichen Geräten? Die Antwort lautete: in Zelte. Feuerwehrzelte, versteht sich – für alle Fälle. Und für alle Gerätschaften, die drinnen keinen Platz mehr fanden. Man begann zu ahnen, dass hier etwas grundsätzlich aus dem Gleichgewicht geraten war. Trotz allem lief der Betrieb. Einsätze wurden gefahren, Hilfe geleistet, Brände gelöscht. Offenbar machte Enge erfinderisch. Wer jahrelang gelernt hatte, sich zwischen Spinden, Schläuchen und Türrahmen zu bewegen, ließ sich auch von Rauch und Hitze nicht aus der Ruhe bringen. So vergingen die Jahre. Die Wache blieb zu klein, die Mannschaft zu groß, der Humor erstaunlich stabil. Und während draußen über Neubauten gesprochen wurde, rückte man drinnen noch ein Stück zusammen. Denn eines war sicher:
Wenn diese Feuerwache eines Tages wirklich platzen sollte, dann nur vor Lachen – oder aus Platzmangel.
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