

Es war wieder soweit.
Stühle wurden gerückt, Gläser klirrten, und irgendwo raschelte Papier – Jahreshauptversammlung. Der sicherste Termin im Kalender der Feuerwehr, gleich nach „Einsatz unklar“ und noch vor „Neubau in Planung“. Der Bürgermeister trat ans Mikrofon und erklärte, dass vielen Bürgern gar nicht bewusst sei, dass die Feuerwehr ehrenamtlich arbeite. Die Feuerwehrleute nickten höflich. Sie wussten es. Vor allem nachts. Und an Wochenenden. Und eigentlich immer.412 Einsätze standen auf der Bilanz.
Eine Zahl, die man nicht schönreden konnte, aber auch nicht wollte. Sie sprach für sich – und ein wenig gegen die Größe der Feuerwache. Doch davon später. „Wir haben keine Personalsorgen“, hieß es erfreulich. Ein Satz, der Applaus bekam. Dass die Mitgliederzahl wuchs, war eine gute Nachricht. Weniger gut war nur, dass die Feuerwehr zwar mehr Menschen hatte – aber immer noch dieselbe Menge Platz. Die physikalischen Gesetze ließen sich auch durch Ehrenamt nicht außer Kraft setzen. Die Stadt stellte wieder Geld zur Verfügung. Über eine Million Euro. Weitere Anschaffungen waren geplant. Arbeitsgruppen tagten. Politik, Verwaltung und Feuerwehr saßen zusammen, um Lösungen zu finden. Das klang hervorragend und roch verdächtig nach Kaffee und langen Sitzungen. Der Wehrführer sprach vom Ziel.
Nicht vom Neubau.
Nicht vom Umzug.
Vom Ziel.
Man komme dem Ziel näher. Ein Satz, der seit Jahren zuverlässig funktionierte und dennoch erstaunlich offen ließ, wo dieses Ziel eigentlich lag. Die Lösung zeichnete sich ab: Erweiterung statt Neubau. Ausbau des jetzigen Standorts unter Hinzunahme des angrenzenden Parkhauses. Kostenpunkt: vier Millionen Euro. Eine Summe, die fast schon günstig klang – zumindest im Vergleich zu allem, was vorher diskutiert worden war. Ehrungen folgten. 25 Jahre Dienst. 46 Jahre Dienst. 74 Tage aktiver Einsatz pro Jahr, rechnerisch. Zahlen, die beeindruckten. Namen, die man kannte. Geschichten, die man kannte – und einige, die besser nicht erzählt wurden. Der stellvertretende Wehrführer erwähnte die „Schallgrenze von 100 Überschrittenen“ beim Jahrestreffen. Niemand wusste genau, ob er Dezibel meinte oder Gespräche gleichzeitig. Wahrscheinlich beides. Zum Abschluss gab es Essen. Schnitzel. Kartoffeln. Gemüse. Wie jedes Jahr. Eine verlässliche Konstante in einer Welt voller Planungsvarianten und Standortprüfungen. Und irgendwo zwischen Applaus, Ehrenteller und Nachtisch war allen klar:
Die Feuerwehr war stark.
Die Kameradschaft lebendig.
Die Einsätze zahlreich. Nur die neue Feuerwache –
die ließ sich auch diesmal entschuldigen. Sie sei verhindert.
Aber sie komme.
Ganz bestimmt.
Irgendwann.