Wie alles begann: Eine Englandreise mit Folgen
Die Idee für den Hubsteiger kam – wie so viele große Dinge – im Ausland. Bürgermeister Beisenkötter war in England unterwegs, sah dort ein modernes Gelenkmastfahrzeug im Einsatz und soll spontan beschlossen haben: „So etwas braucht Rendsburg auch!“ Während andere Tee und Shortbread mitbringen, brachte er eine Investition über 330.000 DM mit nach Hause. Weitblick nennt man das. Oder sehr überzeugende Urlaubsstimmung.31. August 1974 – Rendsburg hebt ab
Als erste Freiwillige Feuerwehr in Schleswig-Holstein erhielt die Wehr am 31. August 1974 ihr Gelenkmastfahrzeug „Simon Snorkel“ auf Magirus-Fahrgestell. 27,8 Meter Gelenkarmhöhe. 330.000 DM Kaufpreis. Und das Selbstbewusstsein einer ganzen Wehr im Höhenflug. Der Gerätewart baute zusätzlich das vorhandene 5-kW-Stromaggregat ein. Damit konnte "Simon" nicht nur retten, sondern auch beleuchten, sägen, bohren – vermutlich hätte man mit ihm auch die Weihnachtsbeleuchtung der gesamten Innenstadt betreiben können. Das Problem mit der Realität
Doch dann kam der Moment vor der Hallentür. Simon rollte an.
Die Kameraden schauten. Simon schaute nicht – er war ja ein Fahrzeug. Er passte nicht hinein. Zu hoch. Man hätte es messen können. Vielleicht hat man es auch gemessen. Aber Optimismus ist in Norddeutschland bekanntlich wetterfest. Also stand der stolze 330.000-DM-Hubsteiger drei Monate draußen. Wind von der Eider, Regen von oben, Möwen von überall. Die Lösung? Man baute gleich eine neue Halle.1975 – Wenn schon, denn schon
In der Jahreshauptversammlung 1975 verkündete Bürgermeister Beisenkötter: Zum Fahrzeug mit 330.000 DM seien noch 225.000 DM für eine passende Halle hinzugekommen. Gebaut wurden:- Drei Stellplätze für Großfahrzeuge
- Eine Verbindung zur bestehenden Halle
- Eine Kleingarage für den Bootsanhänger
- Und eine Damentoilette
Man kann also sagen:
Simon Snorkel sorgte nicht nur für Höhenrettung, sondern auch für bauliche Expansion und sanitäre Gleichstellung.Die geheimnisvolle orange Leuchte
Doch es gab noch eine Besonderheit, die fast ebenso legendär war wie seine Höhe: Oben auf dem Fahrzeugdach thronte eine einzelne orange Rundumleuchte. Zusätzlich der Blaulichtanlage.
Keine Disco-Beleuchtung.
Nur diese eine, auffällige, orangefarbene Lampe. Und sie sorgte regelmäßig für Fragen. „Was ist das denn?“
„Ist das ein englisches Extra?“
„Warnung vor zu viel Höhe?“
„Blinkt die, wenn der Mast seekrank wird?“ Die Maschinisten wurden unzählige Male darauf angesprochen. Die Wahrheit war viel raffinierter – und typisch 70er-Jahre-Ingenieurskunst: Wenn ein Funkspruch für den Maschinisten einging, schaltete sich die orange Rundumleuchte ein.
Kein Display.
Kein Touchscreen. Sondern: Leuchten. Man stelle sich das vor: Während oben 27,8 Meter über dem Boden gearbeitet wurde, begann unten plötzlich die orange Leuchte zu rotieren.
Das war das Zeichen: „Achtung, Funk!“ Im Grunde war es eine Art analoges WhatsApp – nur in sehr, sehr sichtbar. Manch einer behauptete, die Leuchte sei so hell gewesen, dass selbst Möwen ihre Flugbahn anpassten.
33 Jahre im Dienst
Von 1974 bis 2007 tat der Hubsteiger zuverlässig seinen Dienst.
Er rettete, leuchtete, hob, unterstützte – und erinnerte bei jedem Ausfahren seines Mastes daran, dass eine Englandreise manchmal sehr langfristige Folgen haben kann. Er war kein „Exot“ mehr. Er war Rendsburger Feuerwehrgeschichte auf Rädern.Das letzte Kapitel – Eine traurige Sichtung
Und dann, viele Jahre später, erreichte ehemalige Kameraden eine Nachricht, die klang wie ein Gerücht aus einem Feuerwehrmärchen: Die letzte Sichtung des Hubsteigers soll in Ziemetshausen (PLZ 86473) gewesen sein. Dort wurde er – so heißt es – in erbärmlichem Zustand zum Verkauf angeboten. Kein Glanz mehr.
Kein stolzer Auftritt. Kein Applaus beim Einfahren in eine maßgeschneiderte Halle. Man sah, der Lack war matt, die Reifen müde und der Mast etwas nostalgisch eingerostet. Wer ihn von damals kannte, soll leise gesagt haben:
„Das ist doch… das ist doch unser Simon…“ Doch Legenden altern nicht – sie bekommen nur Patina. Und irgendwo zwischen England, Rendsburg und Ziemetshausen bleibt die Gewissheit: Dieser Hubsteiger war nie einfach nur ein Fahrzeug.
Er war ein Bauprojekt.
Eine Haushaltsdebatte.
Ein Fortschrittssymbol.
Und vermutlich das einzige Feuerwehrfahrzeug, das erst eine Halle brauchte – bevor es richtig einziehen konnte. 🚒







